Wenn sich erfahrene Hände alter Möbelstücke annehmen, dann steckt dahinter eine Mischung aus Liebe zu den Objekten, Begeisterung für den Idealismus mancher Kunden aber auch viel Geduld und Hartnäckigkeit.

Zuallererst...

Dass "die alte Zeit" nicht immer so gut war wie es uns die Redewendung weismachen will, wissen die meisten inzwischen. Begibt man sich aber in die Josefstadt ( für Nicht-Wiener: in den achten Wiener Gemeindebezirk ), kann man den vergangenen Epochen durchaus einiges Positives bzw. Schönes abgewinnen. In vielen - meist renovierten - historischen Gebäuden haben sich kleine Betriebe eingemietet , die in Ergänzung zu dem Umfeld kunst- und wertvolle Gegenstände herstellen und anbieten.
Etwas abseits der Hauptgeschäfts und -verkehrsstraßen eröffnete ein kleines Geschäft:
" In der Alten Zeit " der Schauraum von Matthias Laggner, in dem man alte Möbel bewundern und natürlich auch käuflich erwerben kann. Doch bevor die Stücke stolz ausgestellt werden können, müssen sie in der Werkstatt fachmännisch restauriert werden. Aber beginnen wir am Anfang. startseite


Von der ersten Werkstatt ...

Matthias Laggner arbeitete nach seinem Gesellenbrief bei Herrn Netolitzky, einem Restaurator und profitierte dabei laut eigener Aussage am meisten von dem handwerklichen Können seines Chefs.
Nachdem er die Firma verlassen hatte, beschloss Matthias Laggner sich selbständig zu machen.

... zum Biedermeierhaus

Durch Zufall fand er ein geeignetes Objekt in einem Haus aus dem Jahr 1811, das nun den würdigen Rahmen für die Präsentation von hauptsächlich Biedermeiermöbeln bietet.
Die Räumlichkeiten, die davor von einem Gemischtwarenhändler genutzt worden waren, der dort, wo jetzt Hoffmann-Stühle und Biedermeierkommoden platziert sind, ein Aquarium mit Karpfen stehen hatte, wurde frohen Mutes und mit der Unterstützung der Hausherren renoviert. Heute ist der Raum zurückhaltend mit weißen Wänden und einem neuen Parkettboden ausgestattet; ins richtige Licht gerückt werden die liebevoll restaurierten Möbeln u. a. von Jugendstillampen, die natürlich so wie die anderen Gegenstände auch zum Verkauf angeboten werden. startseite


Die Firmengründung

Matthias Laggner entschied sich für die Gründung eines Einzelunternehmens, eine für Kleinunternehmer günstige Gesellschaftsform. Auch die administrativen Tätigkeiten, die Buchhaltung und - neuerdings - Werbemaßnahmen managt er im Alleingang. Unerlässlich hingegen ist (wie für jeden Selbständigen) die Unterstützung durch einen Steuerberater.
Um Förderungen für die Geschäftsgründung wurde nicht angesucht. Wie viele andere
Jungunternehmer auch empfand er die notwendigen Behördenwege als umständlich, mühsam gestaltete sich vor allem die Gewerbeanmeldung am Magistrat. Positiver Natur waren hingegen die Erfahrungen mit der Wirtschaftskammer.
Als Hürden die es bei einer Firmengründung zu überwinden gilt , sieht Matthias Laggner in erster Linie die relativ hohen Sozialversicherungsbeiträge - und Krankenstände seien für ihn im Grund unleistbar. startseite


Biedermeier als Trend

Der Schwerpunkt des Einzelunternehmens liegt in der Restaurierung von Biedermeiermöbeln. Es scheint, als hätte die vor allem der 80er-, Anfang der 90er-Jahre starke Nachfrage nach Jugendstilmöbeln etwas nachgelassen und sich das Interesse in Richtung Biedermeier verlagert. Diese verstärkte Nachfrage gleich als Trend zu bezeichnen, wäre aber laut Matthias Laggner übertrieben.
Zu Kunden und Auftragsstücken kommt er meist durch Mundpropaganda, bis vor kurzem wurde eigentlich keine Werbung betrieben. Seit der Eröffnung des Schauraums ist man präsenter - im wahrsten Sinn des Wortes, da die riesigen Fensterflächen zur Straßenseite eine großzügige Auslage bilden - und der Kundenkreis erweitert sich stetig durch zufällig vorbeikommende "Laufkundschaft".
Zwar wird in den seltensten Fällen sofort etwas gekauft, aber man kommt ins Gespräch ; die Kunden erfahren, dass der Mann, der im Geschäft steht, die Möbel auch selbst restauriert. Dann erzählen viele, dass sie ein Stück im Keller stehen haben, und ob man sich das nicht einmal ansehen könnte usw. startseite


Eröffnung des Schauraums

Anlässlich der Schauraumeröffnung wurde ein Serienbrief an alle über die Jahre in der Kundendatei gesammelten Adressen geschickt. Von Seiten der Kunden kamen durchwegs positive Reaktionen; der schön gestaltete Schauraum wurde von allen gelobt, und auch Passanten bringen immer wieder ihr Intresse zum Ausdruck. Mit der Besichtigung der Möbelstücke in den Kundenwohnungen erhält man einen persönlicheren Zugang und lernt auch private Seiten der Kunden kennen. Zu den erfreulichsten Seiten des Berufs gehören Kunden, die bei einem Treffen Jahre später noch immer von ihrer Freude an den restaurierten Möbel erzählen. Vor Weihnachten wurde eine zweite Direktmailing-Aktion gestartet und Einladungen zu einem gemütlichen Punschtrinken verschickt. Auch in Zukunft will Herr Laggner zwecks Kundenakquistion Einladungen in ähnlicher Form versenden. startseite


Die Liebe zum Detail

Ja die Zeiten haben sich geändert: Während in den 70er-Jahren ganze Verlassenschaften (inkl. josephinischen Stücken) zu Spottpreisen angeboten wurden oder sogar noch für die Abholung gezahlt wurde, ist es heute Usus, dass die Erben sofort einen Dorotheumsangestellten oder gleich mehrere Fachkundige zuziehen.
Bezugsquellen von zu restaurierenden Stücken ergeben sich oft im Zuge einer Auftragsrestauration, indem Kunden ihnen ein im Keller ruhendes marodes Stück ("eine Leiche") im Fachjargon anbieten.
Immer wieder gibt es auch Fälle, in denen Kunden ein ganz spezielles Stück suchen. Falls dieses nicht lagernd ist, werden "die Fühler ausgestreckt" und Altwarenhändler kontaktiert. Die zugekauften Stücke sind leider, wie der Restaurator bedauert, bereits im Einkaufspreis relativ teuer. Ist das Passende gefunden, wird es in der Werkstatt fachmännisch und liebevoll restauriert.
"Liebevoll" ist ein Stichwort, das in dieser Branche nicht unwesentlich ist. Denn mit Liebe und Sorgfalt wird hier gearbeitet, und ohne Begeisterung für das Handwerk und Idealismus geht es nicht, denn hohe Gewinne lassen sich mit der Auftragsrestauration kaum erwirtschaften. Allerdings müssten gewisse Arbeiten vom wirtschaftlichen Standpunkt aus abgelehnt werden, da sie sich einfach nicht rentieren. startseite


Der vereinbarte Preis

Wird ein Stück begutachtet, untersucht man den allgemeinen Zustand der Furnier, der Laden etc., aber das wirkliche Ausmaß kann erst nach dem vollständigen Auseinandernehmen in der Werkstatt gesehen werden. In manchen Fällen kommt man erst darauf, dass wesentlich mehr Arbeitsaufwand erforderlich ist. Auf den veranschlagten Preis hat dies dann natürlich keinerlei Auswirkung mehr. Resümierend stellt der Professionist fest: In der reinen Restaurierungsarbeit steckt zu wenig Gewinn. Das war auch mit ein Grund den Schritt zu dem Verkaufslokal zu wagen. Obwohl, realistisch betrachtet, er noch einige Jahre vor allem von Auftragsrestaurationen leben wird.
Natürlich ist der durchschnittliche Kunde, der sich Möbel restaurieren lässt, eher als wohlhabend zu bezeichnen. Daneben aber gilt es die "Freaks" (ist in diesem Fall nett gemeint), die sich in ein bestimmtes Stück verliebt haben und bereit sind, Geld in diese Liebe zu investieren. Dabei handelt es sich um "sympathische Leute", deren Idealismus meist größer ist als das Volumen der Geldtasche, die die handwerkliche Arbeit goutieren und denen man bei der Preisgestaltung ein bisschen entgegen zu kommen versucht. Natürlich ist Handeln für viele auch ein beliebter Sport. startseite


Virtueller Schauraum

Der Schauraum und die Werkstatt sind, außer wenn Herr Laggner auf Kundenbesuch ist, immer geöffnet.
Permanent geöffnet wird hingegen in Zukunft ein virtueller Schauraum sein, in dem die aktuellen Prunkstücke präsentiert werden.

Die Domain "www.altemoebel.at" ist bereits registriert, und Herr Laggner wird den Internet-Auftritt des Unternehmens gestalten. Dadurch haben bald auch Kunden außerhalb Wiens die Möglichkeit, einen Eindruck von der Qualität der Laggnerschen Kunst zu bekommen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Anstatt telefonisch lang und breit zu erklären, wie ein Stück aussieht, genügt der Hinweis auf die Homepage, und der potenzielle Kunde kann per Mausklick das gewünschte Mobiliar betrachten. Sagt es ihm zu, kann er es dann im realen Geschäft besichtigen; Sinn der Homepage ist es vor allem, die Kunden zu animieren den Laden zu besuchen. Matthias Laggner kann sich für (reine) Online-Shops und Telefonverkäufe nicht so richtig erwärmen und setzt statt dessen lieber auf ein persönliches Gespräch, das ein individuelleres Eingehen auf die jeweilige Person ermöglicht. startseite


Viel Überzeugungsarbeit

Des Öfteren kommen Kunden herein, die sich für Experten halten und behaupten, sich auszukennen. Jeder hat natürlich selbst schon einmal restauriert oder ein Antiquitätengeschäft gehabt. "Unsere Branche ist eine, in der wahnsinnig viel Dampf geplaudert wird", faßt der Restaurator zusammen.
Oft fehlt von Seiten der potenziellen Kunden das Verständnis für den Wert der handwerklichen Arbeit, und diese können nicht immer nachvollziehen, wie aufwendig die Restaurierung eines Stückes ist. Da liegt einem schon einmal die Aufforderung auf der Zunge, der Zweifler solle sich doch daneben stellen und zusehen. "Ich muß den Kunden immer wieder begreiflich machen, dass ich mein ganzes Potenzial an Hingabe und Geduld in meine Arbeit stecke." Eine Schelllackpolitur z.B. ist reine Handarbeit, was naturgemäß seine Zeit in Anspruch nimmt.
Vor Konkurrenz fürchtet er sich nicht, da das Preisniveau bei vergleichbarer Qualitätsarbeit in etwa dasselbe ist. Und gerade bei solch wertvollen Einzelstücken geht es weniger um ein paar Euro Preisunterschied als um das Ergebnis, an dem man ja ein Leben lang Freude haben soll. startseite


Stücke mit Geschichte

Bei Antiquitäten liegt es in der Natur der Sache, dass jedes Stück seine eigene Geschichte mit sich trägt. Sichtbar sind dann nur die Spuren, die die Jahre hinterlassen haben (Sie wissen, der berühmte "Zahn der Zeit"). Aber manche Objekte haben ganz besondere Geschichten, und könnten sie sprechen, wüssten Sie sicherlich viel Interessantes zu berichten.
Mein persönlicher Favorit im Laggnerschen Schauraum ist so ein Stück: ein von Josef Hoffmann (1870-1956) entworfener Bugholzsessel, Teil eines Vierer-Ensembles, bestehend aus einer Bank, zwei Stühlen und einem Tisch. Dieser könnte vom ersten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts erzählen, als er im legendären Wiener "Cabaret Fledermaus" stand, dessen Interieur Egon Friedell folgendermaßen lobte:

"1907 kam Fritz Waerndorfer, ein geistreicher Gentleman mit sehr viel Geld und Geschmack - zwei Dinge, die bekanntlich fast nie beisammen sind-, auf den Gedanken, durch die Wiener Werkstätte ein Cabaret bauen zu lassen. Sowohl die bunt gekachelte Bar wie der ganz in Schwarz und Weiß gehaltene Zuschauerraum war eine Kostbarkeit an Intimität und Noblesse."
Das Lokal stellte zu jener Zeit einen Künstler-Treffpunkt dar, in dem die bedeutenden Persönlichkeiten der damaligen Zeit ein- und ausgingen.
So ist es leicht möglich, dass Oskar Kokoschka, Alma Mahler und ihre Freunde auf diesem Ensemble saßen, sich unterhielten oder über aktuelle Probleme diskutierten. Derzeit ist der Stuhl noch in unrestauriertem Zustand; findet sich ein Käufer, wird er in der Werkstatt - mit Sorgfalt und den ihm gebührenden Respekt restauriert. Und um den Verkaufspreis danach bezahlen zu können, muss die Verfasserin noch viele Artikel schreiben. startseite